Mehr als nur ein Satz
Ein persönlicher Gedankensplitter über Geduld, unsichtbare Geschichten und das, was wir voneinander oft nicht wissen.
Wir pendeln.
Mein Mann und ich pendeln gerade jeden zweiten Tag zwischen Krankenhaus, dem Haus des Patienten und unserem Zuhause.
Dazwischen läuft das ganz normale Leben weiter.
Fortbildungen vorbereiten. Recherchieren. Lesen. Schreiben. Methoden überlegen.
Mails beantworten.
Termine halten.
Und irgendwie muss alles gleichzeitig gehen.
Inzwischen steht in meiner Mailsignatur deshalb dieser Satz:
„Lieber Mailschreiberin, bitte haben Sie ein wenig Geduld. Da ich zurzeit, zwischen 01.10. und 15.12.2026, sehr viel außer Haus tätig bin, kann es bei der Beantwortung Ihrer Mails zu Verzögerungen kommen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“
Ein einfacher, sachlicher Satz.
Eine Information.
Eine Erklärung.
Eine Bitte um Geduld.
Und was dahinter steckt
Dahinter steckt die Pendelei zwischen Krankenhaus, Zuhause und Arbeit.
Dahinter stecken Präsenzveranstaltungen und Onlineveranstaltungen. Und der Wunsch, an den Tagen im Büro einfach arbeiten zu dürfen – ohne noch mehr Unterbrechungen.
Dahinter steckt eine Krankengeschichte von inzwischen sechs Wochen in zwei Krankenhäusern.
Die Auseinandersetzung mit Ärzten. (Blöd, wenn die Angehörigen mit der Diagnose auch noch recht haben).
Die Gespräche mit dem Patienten, der, wer kann es ihm verdenken, gerne wieder nach Hause möchte.
Und gleichzeitig die Realität, dass er im Krankenhaus nicht mehr bleiben kann.
Die Akutversorgung endet in der nächsten Woche.
Wie es danach weitergeht, weiß noch keiner.
Es wird noch diskutiert.
Es wird noch eine Maßnahme ausprobiert.
Eine, mit der es vielleicht auch zu Hause funktionieren kann.
Vielleicht.
Dahinter steckt die Versorgung von Haus und Garten des Patienten.
Der eigene Haushalt.
Die ganz normalen Dinge, die weiterlaufen, auch wenn gerade eigentlich gar nichts normal ist.
Und irgendwo dazwischen die Frage:
Was geht gerade eigentlich noch?
Hinter einem Satz, einem Hinweis, einer scheinbar ganz normalen Erklärung steckt manchmal mehr, als die Worte vermuten lassen.
„Ich bin gerade viel außer Haus.“
Kann bedeuten:
Viele Aufträge.
Viele Termine.
Viel Arbeit.
Oder eben etwas ganz anderes.
Eine Krankheit.
Sorgen.
Erschöpfung.
Verantwortung.
Ein Mensch, um den man sich kümmert.
Nur wenige Menschen wissen, was hinter diesem Satz bei mir gerade tatsächlich steht.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Wir wissen so wenig voneinander.
Wir sehen eine verspätete Antwort.
Eine abgesagte Verabredung.
Jemanden, der nicht ganz bei der Sache ist.
Eine Kollegin, die gerade weniger schafft als sonst.
Einen Menschen, der sich zurückzieht oder einfach nur müde wirkt.
Was wir nicht kennen die Geschichte dahinter.
Vielleicht müssen wir sie auch gar nicht kennen.
Vielleicht müssen wir nicht immer wissen, warum jemand gerade so ist, wie er ist.
Vielleicht reicht manchmal ein wenig Geduld.
Ein wenig Wohlwollen.
Und die Bereitschaft, nicht sofort eine Geschichte über den anderen zu erzählen.
Denn hinter einem Satz kann ein ganzes Leben stehen.
Und manchmal sehen wir davon nur einen einzigen Satz.
